Programm



Donnerstag, 27. Mai 2021 

16.00 Uhr

Eröffnung

16.30–18.30 Uhr

Plenarveranstaltung I
Poetik
der Geschichte

Moderation: Sidonia Blättler

Eine Tradition
der lost causes begründen.
Zu Kracauers »Poetik«
der Geschichte
Stephanie Baumann

Université Polytechnique Hauts-de-France, Valenciennes

Zwei Mal wird in Kracauers History. The Last Things Before the Last der Fluss der Argumentation plötzlich durch den Hinweis auf die antike Mythologie unterbrochen. Einmal geht es um den Mythos des Orpheus, ein anderes Mal um den Mythos des Perseus. Der Mythos des Orpheus illustriert das Problem, dass sich das Objekt der Betrachtung den Historiker_innen stets entzieht, sobald sie sich ihm direkt zuwenden. Der Mythos des Perseus hingegen ruft die Schrecken auf, welche die Medusa verbreitet, eine Geschichte, die nur indirekt, nämlich im Schild des Perseus betrachtet werden kann. In seiner Einleitung zum Buch betont Kracauer, sein Interesse gelte der Ergründung des Wesens von historischem Wissen. Kracauers letztes Werk gibt dabei seinen Leser_innen mehr als ein Rätsel auf. Dies liegt zum einen daran, dass sein Buch Fragment geblieben ist. Es hat aber auch mit Kracauers singulärer Position im intellektuellen Feld und innerhalb der Debatte über Geschichte, Geschichtsschreibung und historische Erkenntnis zu tun, auf die er ebenso eklektizistisch wie polemisch Bezug nimmt. Ausgangspunkt meiner Anmerkungen zu Kracauers »Poetik der Geschichte« sind Verfremdungseffekte, derer er sich dabei bedient.

Lumpen sammeln.
Kracauers Suche
nach der historischen Wirklichkeit im Spiegelkabinett totalitärer Versprechungen
Till van Rahden

Université de Montreal

Siegfried Kracauers 1969 veröffentlichte Studie Geschichte — Vor den letzten Dingen zählt zu den wichtigsten geschichtstheoretischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts, die sich besonders für Historiker_innen des 19. Jahrhunderts lohnt. Kracauer plädiert dafür, genau hinzuschauen und die historische Wirklichkeit im Detail zu entdecken. Der Verzicht auf letzte Fragen, eindeutige Antworten und analytische Präzision öffnet den Blick für Widersprüche und Paradoxien, Zwischenräume und Ambivalenzen. Für den Historiker als Lumpensammler könnte sich Kracauer dabei als ein störrischer Reisebegleiter und als ein eigensinniger Weggefährte erweisen. Das setzt die Bereitschaft voraus, sich auf Abwege zu begeben, dort wo die Hände schmutzig, die Gedanken verschwommen, aber frei, und die Großtheorien fragwürdig werden, um über den Wert der Lumpen nachzudenken, die sich rechts und links des Weges aufstechen lassen.

19.15 Uhr

Abendvortrag

Siegfried Kracauer.
Von der Einheit
in der Vielfalt seiner Schriften

Axel Honneth
Columbia University

Moderation: Ferdinand Sutterlüty

In dem Vortrag soll der Versuch unternommen werden, das grundierende Motiv im häufig für disparat gehaltenen Werk von Siegfried Kracauer zu entdecken. Zu diesem Zweck soll zunächst erst nur negativ verfahren werden, indem gezeigt wird, worin die Einheit in seinen Schriften nicht bestehen kann: Weder das Motiv einer Entschlüsselung des kapitalistischen Getriebes anhand von dessen kulturellen Oberflächenerscheinungen noch das seine Filmtheorie begründende Thema einer Errettung der physischen Wirklichkeit dürfen als eine solche theoretische Klammer seines Werkes betrachtet werden. Stattdessen soll im zweiten Teil des Vortrags dargelegt werden, dass die Einheit in der Vielfalt der Schriften Kracauers in dem Gedanken zu finden ist, jeden Anschein von Natürlichkeit und Gegenständlichkeit in der sozialen Welt durch Nachweis seiner gesellschaftlichen Wurzeln zu zerstören: Von den frühen Schriften aus der Zeit der Weimarer Republik bis hin zum späten Buch über die Schwierigkeiten einer Geschichtstheorie verfolgt Kracauer das Ziel, alles naturhaft Wirkende in Kultur und Gesellschaft zu »entmythologisieren«, um auf diese Weise zur Erweiterung von Vernunft im geschichtlichen Prozess beizutragen.


Freitag, 28. Mai 2021 

10.00–12.00 Uhr

Plenarveranstaltung II

Die Gesellschaftlichkeit
des Films 

Moderation: Vinzenz Hediger

Kracauers Medium
Inga Pollmann

University of North Carolina at Chapel Hill

Across his work, which extends into various disciplines and concerns various media, Kracauer employs a complex notion of medium and mediation. In his treatise on the detective novel, the human being itself is understood existentially as median being, suspended between lower and upper realms of existence, while in his street texts, specific locales are described as media in a more biological sense of the term, that is, as enabling and nourishing something (in this case, epistemological insights) and containing historical sediments. This talk seeks to connect Kracauer’s understanding of medium and mediation in his early texts to his later writings about film. Kracauer’s medium, understood existentially, environmentally, and aesthetically, bears the marks of his indebtedness to life-philosophy, not least in his direct references to life, but also to body, space and image relations, as well as in the notions of endlessness and continuum so central to Theory of Film and the »passive activity« of the citizen, spectator, and historian. His work is underwritten by correspondences among image aesthetic, philosophical system, and writing style, and the emergent theory of medium in his writing points toward an environmental aesthetic the political implications of which allow us to see anew Kracauer’s currency for both contemporary cinema and critical thought.


Kracauer’s Media Anthropology
Johannes von Moltke
University of Michigan

New media unsettle old humanisms. The advent of cinema, no less than the rise of television or the iPhone, reconfigured the relation between humans and (media) technologies, prompting critics to theorize this reconfiguration in turn. In this sense, film theory always involves media anthropology. Even where it foregrounds aesthetic questions about »film as art«, hermeneutic questions about the meanings of individual films or genres, or sociopolitical questions about the relationship between cinema, society, and ideology, film theory at some level inevitably confronts the question of how cinema inflects the very notion of what it means to be human.
In this talk, I trace the media anthropological impulses that run through Siegfried Kracauer’s life-long work on film, from his Weimar-era film reviews through the Marseille notebooks of the early 1940s, to his American writings and his culminating Theory of Film. In developing his »material aesthetics« for that book, Kracauer sets the cinema »in the perspective of something more general – an approach to the world, a mode of human existence«, thus advancing broad anthropological claims about a medium that he significantly considers to be »not exclusively human«. In my talk, I trace that perspective back to Kracauer’s earlier writings, asking how he configures human lifeworlds and technological media in developing his film theory.


12.30–14.00 Uhr

Workshops 1 bis 5

Der Detektiv-Roman (1925)
Sabine Biebl




Die ersten Leser_innen des philosophischen Traktats über den Detektiv-Roman zeigten sich wenig angetan von der Lektüre, und bis heute findet die frühe Abhandlung Kracauers eher beiläufige Kenntnisnahme denn ungeteilte Aufmerksamkeit. Gleichwohl spricht vieles dafür, das Traktat jenen programmatischen Texten beizuordnen, in denen Kracauer in den 1920er Jahren zentrale Positionen seines Denkens formulierte. So erprobt er im Detektiv-Roman erstmals sein Diagnoseverfahren der gesellschaftlichen »Oberflächenanalyse«: Was der Detektivroman in ästhetischer Verdichtung sichtbar macht, ist das Bild der »durchrationalisierten Gesellschaft«. In Gestalt des Detektivs wird sie beherrscht von der sich »autonom sehenden ratio« »als konstitutivem Prinzip« einer »entwirklichten Welt«. Kracauers Aufmerksamkeit gilt in diesem Text aber nicht in erster Linie den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen ein entfesselter Intellekt wütet, sondern vor allem der erkenntnistheoretischen Konstellation, die die Rationalität aus ihrer Bindung an ein »Unbedingtes« freisetzt. Seine Kritik an der »idealistischen Immanenz-Philosophie« formuliert er auf der Basis eines existenzphilosophisch geprägten Verständnisses des Menschen, der sich »auf das Göttliche« »bezogen weiß« und zugleich teil hat am »nur Seienden«. – Nichts davon findet bruchlos Eingang in Kracauers spätere Texte, doch werden gerade im Rückblick auf den Detektiv-Roman wichtige Konstanten in Kracauers Denken deutlich, die das Traktat mit den »klassischen« Texten der Weimarer Jahre und noch mit dem Geschichtsbuch verbinden.


2

Das Ornament
der Masse (1927)
Susanne Martin
Welche der heutigen massenkulturellen Phänomene eröffnen eine kapitalismuskritische Analyse der Gegenwart? Und wie könnte eine solche Analyse aussehen? Um diese übergeordneten Fragen des Workshops zu beantworten, folgen wir auf der Basis von Das Ornament der Masse Kracauers Methode, die anhand signifikanter massenkultureller Phänomene gesellschaftlich-kapitalistische Grundstrukturen zu erhellen vermag. Neben der Zeitdiagnose, die Kracauer in seinem Essay unternimmt, interessiert das Massenornament als Analysekategorie. Deshalb soll zunächst Kracauers geschichtsphilosophische, materialistische und ästhetische Bestimmung des Massenornaments als Ausdruck eines spezifischen Stands des modernen Gesellschafts- und Vernunftprozesses rekonstruiert werden. An dieser Stelle könnte sich ein Einbezug der Kulturindustrietheorie lohnen, um das Spezifikum der jenseits traditioneller Kulturkritiken verorteten Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse der frühen Kritischen Theorie zu konturieren. Abschließend sollen die Relevanz und Aktualität von Kracauers Befunden diskutiert und mögliche Aktualisierungen seiner Methode in Beziehung auf heutige massenkulturelle Phänomene ausgelotet werden.


3

Die Angestellten (1930)
Bernd Stiegler
Das Jahr 1929, in dem Kracauer seine Essayfolge Die Angestellten schrieb, wurde nicht zuletzt durch die Fernsehserie Babylon Berlin wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. In der Serie wie auch in Kracauers Buch spielt so etwa das Moka Efti eine prominente Rolle. Bei Kracauer gehört es zu den »Asylen für Obdachlose«, in der Serie zu den Orten, die das Berlin dieser Zeit exemplarisch verkörpern. Kracauers Text hat aber weit mehr als eine solche Zeitreise zu bieten. Auch die aktuell breit diskutierte Frage der »Klassenübergänger« findet hier eine frühe Ausgestaltung. Der Workshop geht der Frage nach der Aktualität von Kracauers Die Angestellten zwischen Zeitdiagnose, Zeitspeicher und Gesellschaftsanalyse nach.


4

Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (1937)

Nia Perivolaropoulou

Am Anfang des Vorworts zu Jacques Offenbach behauptet Kracauer, dass diese Biografie sich nicht darauf beschränkt, »das Leben des Helden zu schildern«. Unmittelbar danach wird die Charakterisierung seiner monografischen Studie mit einer Kritik des traditionellen Fotoporträts eingeleitet. Sie sei eine Gesellschaftsbiografie, in der nicht, wie in solchen Porträts, die Person alleine »vor einem verschwimmenden Hintergrund steht«, sondern dieser Hintergrund selbst ins Zentrum gerückt wird.
Fast dreißig Jahre nach Erscheinen des Jacques Offenbach, in der Einführung zu History, verweist Kracauer auf eine überraschende Kontinuität: Ihm erscheint das Geschichtsbuch als eine »unbewusste« Fortsetzung seiner Theory of Film. Die Entdeckung dieses Zusammenhangs rechtfertige, so Kracauer, die langen Jahre der Arbeit an der Filmtheorie und gleichzeitig bestätige sie die »innere Notwendigkeit« und »Legitimität seiner historischen Studien«. Mehr noch als die behauptete Kontinuität zwischen der »Materialästhetik« des Films und den Meditationen zur Geschichte überraschen jedoch die von Kracauer angeführten Beispiele historischer Arbeiten: sein autobiografischer Roman Ginster, Die Angestellten und schließlich das Offenbachbuch.
Kracauers Aussage folgend, schlage ich vor, Offenbachs Biografie als Geschichtsschreibung zu diskutieren und der Frage nach seiner eigenen, disziplinär nicht zu verortenden Reflexionen über Geschichte, Fotografie und Film nachzugehen.


5

Feuilletonartikel (1921-1933)
Felix Trautmann
Kracauers Beiträge im Feuilleton der Frankfurter Zeitung, vor allem der 1920er und frühen 30er Jahre, bilden selbst kein zusammenhängendes Werk. In ihrer thematischen Vielfalt lassen die zahllosen kurzen Texte, die in vier Bänden der Werkausgabe gesammelt wurden, gleichwohl bereits die zentralen Denkmotive Kracauers erkennen. Neben den Rezensionen, Vortragsbesprechungen und den Betrachtungen zu Architektur und Städtebau sind es vor allem die sogenannten Straßentexte (teilweise auch in der Textsammlung Straßen in Berlin und anderswo unter diesem Motiv zusammengestellt), mit denen Kracauer den krisenhaften Charakter der kapitalistischen Gesellschaft auf ganz eigenwillige Weise in den Blick nimmt. Denn diesen Charakter erfasst er nicht aus der theoretischen Distanz, sondern anhand der in jedem Wortsinn oberflächlichen Erscheinungen: das öffentliche Leben, Straßenszenen und die Freuden der Zerstreuung. Ihre sachliche bis vergnüglich kurzweilige, empirische wie spekulative Beschreibung zielt, so das zentrale Motiv, auf den Zusammenhang von Glücksversprechen und Desillusionierung, ohne diesen zu trivialisieren. Kracauer denkt in den Feuilletons nicht gegen die Masse. Er liefert ihr keine Wahrheit, die sie nur zu erkennen bräuchte. Vielmehr zeichnet er die Masse selbst in ihrer zerstreuten Gestalt nach, zeigt auf, was sie und worin sie sich verliert. Die zunächst unzusammenhängend erscheinenden Beobachtungen erlauben es Kracauer so, das Uneingelöste ebenso wie das aufziehende Unheil als Momente der Masse selbst auszuweisen. Die Miniaturen des Feuilletons sind darin Ausdruck eines sanften, am Populären tatsächlich interessierten, gleichwohl unversöhnlichen und doch »fröhlichen«, das heißt unabgeschlossenen und unwegsamen Negativismus.
Im Workshop wird dieses Vorgehen anhand ausgewählter Feuilletonartikel vorgestellt und gemeinsam diskutiert.


14.–15.30 Uhr

Mittagspause


15.30–17.30 

Plenarveranstaltung III

Mikrosoziologie
des Umbruchs

Moderation: Almut Poppinga

Auf der Suche nach den
Konstruktionsfehlern der Wirklichkeit

Ferdinand Sutterlüty

Institut für Sozialforschung und Goethe-Universität Frankfurt a. M.
In einer Rezension aus dem Jahr 1932 spricht Kracauer von einer Literatur, die sich darauf beschränkt, die Realität zu beschreiben, »statt ihren Konstruktionsfehlern auf die Spur zu kommen«. Der darin zum Ausdruck kommende Anspruch, die Wirklichkeit nicht nur dokumentarisch festzuhalten, sondern sie in ihren Entwicklungstendenzen kritisch zu dechiffrieren, kennzeichnet auch die Absicht der soziologischen Arbeiten Kracauers. Er durchleuchtet die strukturellen und kulturellen Umbrüche seiner Epoche. Zugleich aber adressiert er auf unaufdringliche Weise seine Leserinnen und Leser, denen er mit seiner performativen Sozialkritik die Mittel an die Hand geben will, sich selbständig zu jenen Umbrüchen zu verhalten. Dafür verwendet er Analyse- und Darstellungsmittel, die nahe an die erfahrbare Wirklichkeit heranreichen und diese durch Verfremdungseffekte zugleich in eine maximale Distanz rücken. Kracauers szenische Überblendungen, durch welche die Spaltungen und Verbindungen zwischen verschiedenen sozialen Klassen und Sphären sowie zwischen Ideologien und gesellschaftlichen Realitäten ins Auge springen, verweisen auf seine vielschichtige Methode des Vergleichs. Dem lassen sich, wie der Beitrag zeigen soll, wichtige Impulse für die zeitgenössische Soziologie entnehmen.


Zerstreuung, Zersplitterung, Zertrümmerung.
Mikrodimensionen und ihre Schreibweisen
in Siegfried Kracauers journalistischer Prosa
Inka Mülder-Bach
Ludwig-Maximilians-Universität München

Wenn Kracauer eine Mikrosoziologie betreibt, so ist die Dimension, in die er sich dabei begibt, in seinen Schriften der 1920er Jahre nicht einfach gegeben. Die Mikrodimension hat einerseits eine historische Signatur und zeugt von tiefgreifenden sozialen und kulturellen Transformationen. Andererseits ist ihre Konstruktion und Analyse untrennbar verbunden mit kleinen Textformaten und mikrologischen Schreibweisen. Der Vortrag wird diesen Zusammenhängen an Kracauers Prosa der Weimarer Zeit nachgehen.


18.00–20.00 Uhr

Forum I

Kracauer
und die Soziologie 

Moderation: Axel Honneth

Welcher Kracauer für welche Soziologie?
Christian Fleck
Karl-Franzens-Universität Graz

Über »Kracauer und die Soziologie« zu sprechen, setzt erstens voraus, dass man in Kracauers Werk zumindest drei verschiedene Varianten soziologischer Beiträge auseinanderhält: (1) Seine frühe eher philosophisch inspirierte Abhandlung mit Soziologie im Titel, (2) Die Angestellten und (3) seine im Umfeld des Bureau of Applied Social Research entstandenen Texte der 1950er Jahre. Zweitens muss man wohl auch »Soziologie« näher eingrenzen und zwischen verschiedenen Ausprägungen dieser Disziplin nach Land/Sprache, theoretischer Orientierung etc. unterscheiden. Erst nach diesen Differenzierungen wird es möglich sein, etwas dazu zu sagen, ob Kracauer heute noch »anschlussfähig« ist.


Mit Kracauer von Frankfurt nach Paris
Claudia Honegger
Universität Bern

Nach Abschluss des Soziologiestudiums in Frankfurt hatte ich die Absicht, für ein Jahr nach Paris zu gehen, um als Postgraduierte an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales bei Pierre Bourdieu und bei Historiker_innen der Annales-Schule, die ich bei meiner Arbeit über den Hexenwahn kennen gelernt hatte, zu studieren. Aus dem einen Jahr sind fünf geworden. Hierbei war Siegfried Kracauers Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit der auch und gerade soziologisch wichtigste Text für mich, um mich dieser Stadt annähern zu können. Ich werde folglich dieses Buch ins Zentrum meiner Ausführungen zu Kracauer und die Soziologie stellen.


Die Wirklichkeit faschistischer Propaganda.
Siegfried Kracauers politische Aktualität
Sighard Neckel
Universität Hamburg

Siegfried Kracauer hinterließ mikrologische Modellanalysen einer emblematischen Soziologie, deren empirische Dichte, typologische Genauigkeit und literarische Qualität bis heute einzigartig in einer zunehmend erfahrungsarmen Sozialforschung sind. Interessiert daran, zu verstehen, wie sich in Massenkultur, Massenmedien und politischer Propaganda sichtbare Oberflächen in vorgetäuschte Wirklichkeiten verwandeln, bekommen seine Arbeiten heute insbesondere im Politischen eine neue Aktualität. In seinen erst posthum veröffentlichten (und vom Institut für Sozialforschung seinerzeit verworfenen) Studien zu Masse und Propaganda zeigt Kracauer auf, wie faschistische Propaganda zu einem Selbstzweck wird, der eine eigene soziale Wirklichkeit schafft. Damit hat Kracauer eine analytische Spur gelegt, die uns heute direkt in die propagandistischen Operationsweisen des modernen politischen Autoritarismus hineinführen kann.


Schlichter Bericht einer Soziologin
Barbara Thériault

Université de Montréal

Ihr war es etwas langweilig. Dann kam die — zugegeben — späte Begegnung mit Kracauer und dessen soziologischen Feuilletons. Vor fünf Jahren unterrichtete sie ihn. Sie fing damals an, mehr zu schreiben; mehr, aber kürzer. Die Ergebnisse einer Ethnografie veröffentlichte sie mitunter in einer Zeitung. Änderungen machten sich bemerkbar: Schreiben und Forschen wurden eins, »Denken mit dem Bleistift in der Hand« nannte das mal einer.
Die Peripherie ihrer zuweilen müden Disziplin bot Platz. Drittmittel, um eine »Zeitungssoziologie«, die sie sich in den 1920er und 1930er Jahren zu finden versprach, erhielt sie. Das war auch der [dankbare] Einlass, Klassiker – an erster Stelle Georg Simmel – neu zu lesen. Ihre jungen Kolleginnen und Kollegen machten mit. Methodisch erweiterten sie ihre Horizonte: Sie wurden auf Geräusche, Geruch, Alltagswörter und Schnipsel aufmerksam und für anderes Material offen; und sie schrieben in der ersten Person Singular. Wie sie wurden auch sie kühner, irgendwie ungeduldiger. Das Feuilleton wurde zum »Lebensstil«, scherzten sie manchmal.
Mit seinen Alltags-Beobachtungen, seiner Ironie, einer empirischen und kritischen Haltung, einer aphoristischen Denkweise, einer Skepsis gegenüber Systemen, einer gewissen Lässigkeit in Bezug auf Theorien, Konzepte und Definitionen konnte das soziologische Feuilleton, was die Soziologie manchmal nicht konnte. Das fanden sie zumindest.
Nun hat sie eine Sammlung veröffentlicht und fragt sich, wie es weitergehen soll. Vielleicht wird sie ein Methodenseminar anbieten, in dem sie ihre Erfahrungen verarbeiten wird? Weiter so schreiben? Langweilig ist ihr zwar nicht, aber manchmal fragt sie sich [schon], ob sich der Weg zurück zur Theorie finden lässt.


 Samstag, 29. Mai 2021 

10.00–12.00 Uhr

Plenarveranstaltung IV
Die Öffentlichkeit der Massen

Moderation: Felix Trautmann

Der Serienschreiber.
Kracauer und die Formate des Populären
Ethel Matala de Mazza
Humboldt-Universität zu Berlin

Kracauer hat für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung am Fließband Beiträge geschrieben. Einige der bekanntesten sind bereits für sich als Serie angelegt: Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino etwa oder Die Angestellten. Serien verdanken ihre Popularität der Massenkultur, zu der Kracauer nicht nur als missvergnügter Ideologiekritiker Distanz wahrt, sondern ihr als teilnehmender Beobachter auch entgegenkommt. Im Vortrag soll es um die politischen Anliegen gehen, die seinen Sinn fürs Populäre wachhalten. Denn daran hängen Schicksalsfragen für sein journalistisches Metier: unter der verschärften Medienkonkurrenz erodiert die Öffentlichkeit der Presse.


Ornaments, People, Cities.
Siegfried Kracauer on Masses and Metropolis
Henrik Reeh
University of Copenhagen

Siegfried Kracauer is educated as an architect at the time when Adolf Loos denounces a close connection between ornament and crime in a paper of the same title. Despite the widespread repression of ornament in design and society that follows, Kracauer himself keeps emphasizing the importance of ornament to architectural and urban experience. To be sure, Kracauer soon demonstrates how mass ornaments are exploited by an industry of entertainment, which reflects capitalist society at large. Here, the process of production reduces reason to a narrow ratio. On the other hand, Kracauer claims that a utopian Reason remains at play, not least by way of certain ornaments which allow for the articulation of complexity in human life. In this context, the question arises whether cities generate ornamental features that may challenge instrumental ratio and, furthermore, promote urban culture as a realm of human coexistence and critical reflection. In short, what are the conditions of urban ornaments in the modern city? Siegfried Kracauer addresses this issue in several genres, conceptual contexts, and across a wide range of topics. This lecture explores how an experimental reflection on masses and ornament – spanning architecture, social issues, and urban history – comes about in Kracauer’s writings from the 1920s and 1930s, a period during which the urban condition pervades – but also challenges – novel, essays and historiography.


12.30–14.00 Uhr 

Workshops 6 bis 9

6

 Studien zu Massenmedien und Propaganda
(aus dem Nachlass)

Gérard Raulet

Sehr spät wurde die Arbeit über totalitäre Propaganda wiederentdeckt, weil Kracauer den Kürzungen und Eingriffen Adornos nicht zugestimmt hatte. Zu diesen Eingriffen zählt insbesondere die Änderung des Titels und die Ersetzung der Bezeichnung »totalitär« durch »autoritär«.  Dies macht darauf aufmerksam, dass der Überarbeitung des Manuskripts eine Strategie zugrunde lag, die darauf zielte, Kracauers Text in die theoretische Linie der führenden Köpfe des Instituts für Sozialforschung einzuschreiben. Heute wie damals sind das keine bloßen semantischen Nuancen oder Streitereien, zumal da der politische Kontext eines in verschiedenen Formen um sich greifenden Populismus mehr denn je zu begrifflicher Klarheit auffordert. Ich möchte deshalb in einem ersten Anlauf die theoretischen Positionen und diskursiven Strategien innerhalb des Instituts genauer analysieren und dann die Frage nach der Brauchbarkeit der mobilisierten Begriffe und Modelle aufwerfen.

Obwohl Adorno Kracauer versicherte, dass er das Manuskript zusammen mit Leo Löwenthal und Franz Neumann revidiert hatte, weisen viele Indizien auf Pollocks Theorie des Staatskapitalismus und auf den Vorrang des Politischen vor der Ökonomie hin. Adorno meint sogar, dass die Schwäche von Kracauers Text in ökonomischer Hinsicht eher vorteilhaft ist, weil sie ihn vor einer überholten, ökonomistischen Auffassung des Marxismus schützt. Kracauer definiert den Faschismus etwa wie folgt: »›Der Faschismus‹, so heißt es in der im übrigen recht instruktiven Schrift von Historikus [Arthur Rosenberg] Probleme des Sozialismus, ›ist weiter nichts als eine moderne, volkstümlich maskierte Form der bürgerlich-kapitalistischen Revolution.‹ Aber das ist ein Kurzschluß, dessen Unzulänglichkeit sich daran zeigt, daß sich mit seiner Hilfe weder die Heraufkunft noch die Entwicklung der faschistischen Bewegung ausreichend erklären läßt.« (Totalitäre Propaganda)

Diese Zeilen möchte ich besonders zum Nachdenken geben. Sie stellen die Frage, wo eine illiberale Regierungsweise in Totalitarismus, Autoritarismus oder Faschismus – welcher Art auch immer – umkippt oder umkippen kann.

7

Architektur-Feuilletons
Carsten Ruhl
Was hatte eigentlich jemand zur Architektur beizusteuern, der vor allem als Soziologe, Schriftsteller, Filmtheoretiker und Gesellschaftskritiker bekannt ist? Eine ganze Menge. Denn was zumeist vergessen wird, Kracauer war zu allem Überfluss auch noch ausgebildeter Architekt. Die wenigen Jahre seiner Tätigkeit als Architekt fielen in eine Zeit tiefgreifender Umwälzungen. Sowohl politisch mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen als auch architektonisch mit dem Neuen Bauen. Wo andere für eine kurze Zeit und während des Krieges bereits an ihren Manifesten zu einer Revolution der Architektur und der Gesellschaft arbeiteten, befasste sich Kracauer allerdings mit ganz anderen Dingen. Etwa mit der Entwicklung der Schmiedekunst des 17. bis 19. Jahrhunderts, so das Thema seiner Dissertation, die 1915 erschien. Mit Beginn von Kracauers Tätigkeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung war das Thema der Architektur keineswegs ad acta gelegt. Die Entscheidung, die Architektur gegen das Schreiben einzutauschen, so die These, ging einher mit ihrem Verständnis als produktive Schule des Sehens und Sichtbarmachens: Erstens, diente sie Kracauer als Metapher und Motiv zur anschaulichen Beschreibung gesellschaftlicher Phänomene. Zweitens, in dem gleichen Maße wie gesellschaftliche Verhältnisse für Kracauer architektonisierbar waren, ließen sich Architekturen als soziale Phänomene beschreiben. Und drittens, betrachtete er den Architekten als symptomatische Figur der Moderne. Der Workshop setzt sich zum Ziel, alle drei Facetten der Architekturkritik Kracauers zu diskutieren.


8

Filmrezensionen
Vinzenz Hediger

9

Geschichte —
Vor den letzten Dingen (1969)

Jörg Später
Siegfried Kracauers letztes und posthum veröffentlichtes Buch Geschichte – Vor den letzten Dingen ist ein eigenartiges und eigensinniges Buch, das, kaum verwunderlich, wenig Resonanz gefunden hat. Es steht gewissermaßen exterritorial zu seiner Zeit und den Zeitgenossen. Diese Geschichtstheorie ist das Lebenszeugnis des »wunderlichen Realisten«, eine reife Reflexion über alles, was Kracauer in seinem Leben gelernt hat, und eine gelehrte Abhandlung darüber, was wir über die Welt, in der wir leben, bzw. die vergangene Welt wissen können. History ist gewissermaßen his story und kann daher nur biografisch entschlüsselt werden. Gleichzeitig darf Kracauers Geschichtsbuch durchaus mit einem »Gegenwart-Interesse« gelesen werden (wie er es ausdrücken würde). Es hat Aktualität, allerdings weniger als Geschichtsphilosophie (der eine Absage erteilt wird) oder als kritische Theorie des Kapitalismus (darum geht es in dieser Schrift nicht), sondern wegen seines hohen theoretischen wie praktischen Gebrauchswerts für die Wissenschaft und die historische Literatur. Zum Schaden des Fachs und der Öffentlichkeit ist Kracauers letztes Wort über die vorletzten Dinge nach wie vor ein Geheimtipp.



14.00–15.30 Uhr 

Mittagspause


15.30–17.30

Forum II

Kracauer
und die Künste

Moderation: Juliane Rebentisch

Exterritorialität der Kunst
Dorothee Kimmich
Eberhard Karls Universität Tübinge

»Sie schien den Austausch von Erinnerungen zu wünschen, es war ihm aber für die Vergangenheit zu heiß. Er hatte auch sein Gedächtnis verloren.« (Ginster. Von ihm selbst geschrieben, 1990) Kracauers Idee einer »Selbstvertilgung«, die zu einem Zustand der »aktiven Passivität« führen soll, beklagt keinen tragischen Selbstverlust, sondern ist vielmehr das Konzept einer gelockerten, fluiden Identität. Erinnerungen und Träume etwa, real Erlebtes und Imaginiertes lassen sich kaum unterscheiden. Der Zustand »aktiver Passivität« vermittelt zwischen Existenz, Geschichtsschreibung und Kunst.


Kracauers Filmtheorie
und die Aufhebung der Künste
Gertrud Koch
Freie Universität Berlin

Kracauers Filmtheorie wird oft als essentialistisch charakterisiert, als Ontologie einer Seinsweise des Films. Zu dieser gelangt Kracauer jedoch durch eine implizite geschichtstheoretische These, die den Film durch seine Stellung in der Geschichte zu den anderen Künsten positioniert.


Kracauers Straßenminiaturen
im Medienumfeld der literarischen Moderne
Andreas Huyssen
Columbia University

Mittlerweile wird anerkannt, dass Kracauer viele Momente von Benjamins und Adornos kritischer Theorie vorwegnimmt. Kracauers Straßentexte und Stadtminiaturen sind ebenfalls zentraler Bestandteil einer kritischen Theorie der Moderne. Als literarisches Experiment mit der kurzen Form, geschrieben fürs großstädtische Feuilleton, verweisen sie nicht nur auf analoge Schreibpraktiken von Benjamin und Adorno. In ihrem versteckten Bezug auf Fotografie stehen sie in einer meist verkannten Tradition der literarischen Moderne von Baudelaire über Kafka zu Jünger, Musil und Benjamin.

Die Kunst der Krise
Christoph Menke
Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Kracauers berühmte Essays der 1920er Jahre, die er unter dem Titel Das Ornament der Masse versammelt hat, entwerfen eine Geschichtsphilosophie des Bildes, die in einem Modell des Realismus gipfelt. Im Bild (das auf der Höhe der sozialen und technologischen Bedingungen des – damals – gegenwärtigen Kapitalismus ist) geht es um Tatsächliches. In dieser Hervorbringung eines neuen Tatsachensinns durch die gegenwärtige Bildproduktion sieht Kracauer das »Vabanque-Spiel der Geschichte«. Denn sie schwört die »entscheidende Auseinandersetzung« herauf, um die es in der Gegenwart geht: die Auseinandersetzung zwischen der natürlichen und der richtigen, also freien Ordnung.


Mark