Filmreihe

1.April — 10.Mai 2020



Was heißt es heute, ›mit Kracauer‹ ins Kino zu gehen? Wie lässt sich in der Linie seines Denkens Gesellschaftsanalyse und Film miteinander verbinden? Die zahlreichen Filmkritiken zum deutschen Kino der Weimarer Zeit, die Kracauer als Redakteur der Frankfurter Zeitung in den 1920er und frühen 1930er Jahren verfasste und auf deren Grundlage er im US-amerikanische Exil seine Filmtheorie entwickelte, bilden bis in die Gegenwart einen Ansatz zur Untersuchung des massenkulturellen und zugleich politischen Mediums des Kinos. Denn für ihn sind in Filmen die gesellschaftlichen Tendenzen einer Zeit eingeschrieben, wenn auch nicht immer offensichtlich. So wie der Film bereits eine ästhetische Bearbeitung der Wirklichkeit ist, so muss auch die Filmkritik eine Perspektive einnehmen, die die emanzipatorischen oder politisch regressiven Momente des Films — des kulturindustriellen und propagan­distischen Kinos genauso wie des experimentellen Kunstfilms — ausdeutet. In diesem Sinne widmet sich die Filmreihe anhand von historischen Filmen als auch neuerer Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme Kracauers feinem Sensorium für das Reflexionsmedium Film sowie die gesellschaftlichen Sehnsüchte und politischen Verhältnisse, die darin zum Ausdruck kommen.


1. April, 18.00 


Das Cabinet des Dr. Caligari, 1920 (Robert Wiene)
Einführung
Marli Feldvoß

Für Siegfried Kracauer spielt der machtbesessene Hypnotiseur und Irrenarzt Dr. Caligari im Weimarer Kino eine Schlüsselrolle. Der Film war für ihn Vorbote der darauf folgenden »Tyrannenfilme« wie Nosferatu oder Dr. Mabuse, in denen sich die autoritären Tendenzen des deutschen Volkscharakters spiegeln und die Hitlers Machtergreifung voraussagen.

3. April, 18.00


El Cant dels Ocells
(Albert Serra)

Einführung
Anne Gräfe

Kracauer versteht Film als ein Medium der Wiedergabe und der Enthüllung physischer Realität. Albert Serras El Cant dels Ocells rückt einer konfigurierten Wirklichkeit des zu Sehenden sowie der Zusehenden qua ästhetischer Zeitlichkeit zu Leibe. Unter diesem Druck kehrt sich das Bedürfnis um, Langeweile im Kino zu zerstreuen. Dann legt die radikale Langeweile des Films die subjektive Langeweile als unbekannte Sensation frei.

7. April, 18.00


La jetée
(Chris Marker)

“Fatale beauté” aus Histoire(s)
du cinéma
(Jean-Luc Godard)

Einführung
Juliana Müller
Marcus Döller

In Chris Markers Experimentalfilm La Jetée und der Episode Fatale Beauté aus Jean-Luc Godards Histoire(s) du Cinéma wird das Verhältnis von Fotografie und Film auf seine Differenz hin befragt: Beide Kurzfilme stellen Grenzen und Möglichkeiten einer intermedialen Darstellung zur Diskussion und schließen darin an Kracauers Überlegungen zur »Erweiterung« des einen Mediums durch das andere an.

14. April, 18.00

Maid in Manhatten
(Wayne Wang)
Einführung
Leonie Hunter
Almut Poppinga

love streams.S01E02.DVD-Rip.Xvid
Performance
Anneliese Ostertag
Amina Szecsödy
Clara Reiner
Katja Cheraneva
Lena Appel

Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino — und gucken Maid in Manhattan. »Kein Kitsch kann erfunden werden, den das Leben nicht überträfe«, stellt Siegfried Kracauer mit Blick auf die Filmindustrie seiner Zeit ideologiekritisch fest. Maid in Manhattan mit Kracauer anzusehen, bedeutet daher, die romantische Komödie als Spiegel der bestehenden Gesellschaft ernst zu nehmen und die gegenwärtigen Illusionen des liberalen Klassenaufstiegs zu analysieren.

18. April, 18.00


Caligari zu Hitler
(Montage aus Filmen der Weimarer Zeit)

Einführung
Daniel Fairfax
Andrea Hartmann

1947 hat Siegfried Kracauer in seinem bahnbrechenden Buch Von Caligari zu Hitler die Hypothese aufgestellt, dass psychologische Vorzeichen für die Herausbildung einer nazistischen Diktatur in den Filmen der Weimarer Republik wahrgenommen werden können. In einer audiovisuellen Vorführung wird dieses Argument mit Ausschnitten aus den von Kracauer diskutierten Filmen untersucht.


28. April, 18.00


Kracauer und die Filmwissenschaft
Vortrag 
Heide Schlüpmann

Kurzfilme
(Penny Siopis
Nan Hoover)
Anschließend Gespräch
mit Vinzenz Hediger
Chris Tedjasukmana


Wo ist der Ort der Filmtheorie? Im Kino, in der Filmkritik oder doch in der Wissenschaft? Mit Kracauer stellt sich diese Frage anders: Für ihn ist der Film das Reflexionsmedium par excellence und zugleich Ausgangspunkt für gesellschaftstheoretische Fragen. Gezeigt werden dokumentarische Aufnahmen aus den 1910er und 1920er Jahren sowie Kurzfilme von Penny Siopis und Nan Hoover. Im Anschluss findet ein Gespräch mit Heide Schlüpmann, Vinzenz Hediger und Chris Tedjasukmana statt.


28. Mai, 18.00


Leviathan 2012
(Lucien Castaing-Taylor and Véréna Paravel)

Einführung
Lena Appelt
Franziska Wildt

Zahlreiche GoPro-Kameras, alle an arbeitenden Körpern befestigt, fahren mit einem Fischfänger im Nordatlantik durch die Nacht. Leviathan ist ekelerregend, verträumt, desorientierend bis misanthrop. Der phänomenologische Ansatz des Films speit Meeresgeräusche aus, die auf »the cruel radiance of what it is« blicken – gelesen vor dem Hintergrund von Kracauers Verständnis der Kunst als Erfahrung.


12. April, 12.00


Die Straße
(Karl Grune)

Einführung und Filmgespräch

Andrea Hartmann
Nils Kühl
Franziska Wildt
Sebastian Staab

Klavierbegleitung
Uwe Oberg

Ein Kleinbürger entflieht dem Heim und folgt den Reizen der Straße, wo er in einen Mord verwickelt wird. Grune verbindet gekonnt Expressionismus und Realismus. Kracauer nennt den Film eine Meisterleistung, weist aber auch auf dessen ideologischen Zug hin: Die Gefahr der Straße führt zum Ruf nach Autorität.



Alle Veranstaltungen finden im Kino des Deutschen Filmmuseums statt 
Schaumainkai 41, Frankfurt am Main